Der Tag, an dem ich mein Sixpack verlor

Ich bin seit fast 20 Jahren in der optikfixierten Fitnesswelt unterwegs. Jetzt kannst du dir überlegen, ob ich entweder mittlerweile steinalt bin oder im Vorschulalter begonnen habe, in Sportstudios rumzuschleichen. Ok, ich gebe zu – es ist ersteres. Ich bin 36 Jahre alt, die ersten grauen Haare kämpfen sich ihren Weg durch die Schädeldecke und so manch eine Falte lässt sich nicht mehr mit Tesa-Klebchen retuschieren. Dennoch habe ich mit 16 Jahren angefangen, High-Low-Impact-Aerobic-Kurse zu unterrichten. Das Ganze stilecht in knöchelhohen Schuhen, Capri-Hosen und – ganz klar – bauchfrei! Mein Sixpack gehörte zu mir wie Schoki zum Cheat Day und war mein Markenzeichen über Jahre hinweg. Ja, gut – meine Arme und Schultern waren und sind auch immer noch meine ergänzenden Aushängeschilder, aber die waren irgendwie schon immer da und ich musste mich nie anstrengen, damit sie so aussehen, wie sie eben aussehen. Der Waschbrettbauch war ein Must Have in den letzten zwei Jahrzehnten. Wenn er mal nicht zu sehen war, war die ganze Welt auf einmal trüb und sowieso alles nur doof. Im letzten Jahr habe ich mich mental von meiner fettfreien Körpermitte verabschiedet und bislang noch nicht bereut. Warum? Ich erklär’s euch …

Magerquark-Apfelmus for President

So ein Sixpack ist in erster Linie eine reine Ernährungssache. Damit man optisch ansprechend seine goldene Mitte entblößen kann, ohne dass die Umwelt die Stirn kraus zieht, heißt es: strikteste Diät halten! Das Körperfett, welches das Sixpack gern wie ein Daunenbett unter sich verdeckt, muss eben nun mal reduziert werden, damit man sieht, was sich drunter verbirgt. Als Frau ist das grundsätzlich schwieriger als für Männer, denn die holde Weiblichkeit neigt zu einem generell höheren Körperfettanteil. Sprechen wir mal knallhart aus, wie es ist! Als Frau müsste man die magische Hürde von etwa 12 Prozent und als Mann die neun Prozent Körperfettanteil knacken, damit das Sixpack in seiner gnadenlosen neid-erzeugenden Gestalt erstrahlt. Kein leichter Job, zumal die Wettkampfform auch nicht 365 Tage im Jahr einfach mal so leicht zu halten ist. Bei mir klappte es immer gut mit einer radikalen Low Carb Ernährung, die in Magerquark-Apfelmus-Orgien gipfelte. Ja, ich weiß. Apfelmus hat natürlich auch Carbs, aber mir machten eher Nudeln, Reis und Co. einen Strich durch die Bikinifigur. Ein Sixpack zu halten heißt also hungern und das eigentlich ständig mit damit verbundener schlechter Laune, die einen für die Umwelt unerträglich macht. Hab ich keinen Bock mehr drauf und esse fröhlich mein Snickers-Brötchen (Peanutbutter und Naschi, einfach göttlich als Kombi) weiter, während ich hier sitze und schreibe.

Sixpack vs. Core

Ein Sixpack zu haben, heißt nicht unbedingt eine starke Rumpfmitte zu besitzen. Das augenscheinliche Sixpack ist eigentlich nur ein gut trainierter Musculus rectus abdominis oder auch Gerader Bauchmuskel genannt, der durch seine Ausgeprägtheit den Weg durch die darüber liegenden Schichten gebahnt hat. Da er von drei bis vier quer- und einer längsverlaufenden Sehne in Segmente partitioniert wird, erscheint er als Six- oder im Fall eines genetischen Lottogewinns als Eightpack. Der Gerade Bauchmuskel  hat seinen Ursprung an den unteren Rippen und zieht zum Schambein. Somit hat er eben als hauptsächliche Aufgabe, Rippen und Becken anzunähern, sprich den Oberkörper zu beugen. Er ist auch beteiligt an der Bauchpresse, aber für ein starkes Core, das unsere Performance steigert, die Wirbelsäule gesund hält und eine schlanke Taille macht, sind andere Rumpfmuskeln weitaus wichtiger. Der tief unter dem Geraden Bauchmuskel liegende Musculus transversus abdominis wäre zum Beispiel einer dieser Kandidaten. Er umspannt den gesamten Rumpf wie ein Korsett und stützt somit die Körpermitte. Auch die internen und externen seitlichen Bauchmuskeln spielen wichtige Rollen beim Core-Training. Alle, die sich nur etwas mit funktionellem Training auseinandergesetzt haben, wissen um deren fundamentalen Wert für Leistungssteigerung und Verletzungsprävention. Es gab eine Zeit, da bestand ein Bauch-Express-Kurs im Fitnessstudio aus 20 Minuten Crunches in allen Variationen. An sich super, nur wurde eben fast ausschließlich das Waschbrett trainiert und die anderen Bauchmuskeln nur so nebenbei etwas mit. Eigentlich sollte so ein Bauchkurs hauptsächlich aus Plank-Variationen bestehen. Vermutlich würde dann aber keiner mehr zu diesem Kurs erscheinen, denn wer will schon 20 Minuten lang im Unterarmstütz verbringen. Obwohl man dann direkt den Kurs auch in „Breite-Schultern-Express“ umfirmieren könnte, denn diese gäbe es dann gleich on Top. Andere Möglichkeiten wären zum Beispiel auch schweres Kreuzheben oder Kniebeugen. Gut, auch diese Übungen zählen meist ebenso wenig wie Gewichtheben beim Otto-Normal-Fitnessstudio-Besucher (besuchen heißt nicht unbedingt effektiv trainieren) mit auf die To Do Liste. Leider – muss man sagen, denn auch hier würde man ordentlich was für eine starke Mitte tun. In diesem Sinn, spart euch die Millionen Crunches und haltet einfach mal einen optisch-anspruchsvollen Hover für ein paar Minuten. Den Rest der ersparten Zeit könnt ihr dann vorab in vernünftige Kraftübungen investieren.

HardCORE-Yogi

Nun besteht mein Training zu 90 % aus Ashtanga Vinyasa Yoga. Die einzige wirkliche Bauchübung, die es in der ersten Serie gibt, ist Navasana – die Bootpose. Eine, der vermutlich meist gehassten Yoga-Positionen überhaupt. Komisch, dass die meisten Ashtangis doch ein Sixpack oder zumindest gut trainierte Bäuche vorweisen können. Das liegt an eimerweise Haltungen, die allesamt das Core aktivieren. In jedem Twist, in jedem Chaturanga Dandasana, in jeder Armbalance brauchst du ein astreines Core. Selbst während du Darth Vader like mithilfe der Ujjayi-Atmung irgendwie deine Praxis zu überleben versuchst, hältst du die Körpermitte fest. Im Prinzip trainierst du 90 Minuten lang dein Core. Klingt für mich effektiver als 20 Minuten Crunches. Seitdem ich zum Vollzeit-Yogi mutierte, ist meine Rumpfstabilität um Welten besser geworden. Yoga ist also für Sportler nicht nur für die Mobility gut, sondern auch als ergänzendes Core-Workout der Knaller!

Sixpack Show-off

Ich übe meistens bauchfrei. Dabei ist es völlig egal, ob ich ein Sixpack habe oder nicht, denn kein Schwein sieht mich morgens um halb sieben auf der Matte turnen. Ich fühle mich nicht verpflichtet, der Welt meine anatomischen Gegebenheiten zu offerieren und wenn ich es doch machen will, gibt es eben die wiederentdeckten High Waist Leggings, sollte das Ergebnis dreier Cheat Days in Folge nun wirklich nicht präsentabel sein. Ich vermute ja, manche Sixpacks haben mittlerweile einen eigenen Instagram-Auftritt und nutzen den Menschen ober- und unterhalb des Waschbretts nur für den Accountnamen. Raffiniert!

Ich bin froh über all die Quälerei, die ich für ein Sixpack in den letzten Jahren investiert habe. Ich habe all den Ruhm und die Komplimente für meine formidable Körpermitte genossen. Aber dennoch vermisse ich es nicht, keine Minute lang. Der Tag, an dem ich mein Sixpack verlor – war ein guter Tag!

Übrigens 🙂 – Das Buch von Michaella Weller “Cross-Yoga für Sportler” gibt es hier!

Fotos by André Siodla MEDIA2MOVE

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2018-05-03T16:59:06+00:00 0 Comments

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