me, my mat and i

Heute ist Vollmond und da an Neu- und Vollmond die Ashtangis keine Mattenpraxis haben, nutze ich die Extrazeit, um über eine ganz besondere Liebe zu schreiben: die Liebe zu meiner Matte!

An Tagen wie heute, an denen ich nicht um 06:30 Uhr schlaftrunken und mit rot-geränderten Augen auf die Matte trete, merke ich besonders, wie viel Zeit ich mit diesem Gummifreund verbringe und wie normal es mittlerweile ist, jeden Tag das Abenteuer neu zu starten. Ich schreibe also heute über die Geschichte meiner Matten, die mich seit etwa acht Jahren begleiten.

mein Karma ist dunkelschwarz

Meine erste Matte war eine blaue, ziemlich einfache PVC-Matte. Heute würde ich niemals mehr eine PVC-Matte kaufen und unter uns: Damals tat ich es auch nicht, denn diese Matte fand zu mir. Zumindest rede ich mir das ein. Sie blieb irgendwann mal liegen in dem Fitnessstudio, in dem ich arbeitete. Ja, ich habe sie genommen! Ja, es war Diebstahl. Ja, mein Karma ist nun dunkelschwarz! Nun, damals hatte ich noch keine Ahnung von Karma und Co. und dachte mir, die Gelegenheit wäre günstig für eine eigene Yogamatte.

Ich turnte ab und an mal in einem Yogakurs mit und mittlerweile wollte ich auch so stylish („Hipster-like“ gab es damals noch nicht als Bezeichnung) mit meiner Matte und einem gleichgültigen Gesichtsausdruck, als wäre seit einer Woche Nieselwetter, gefühlte 13 Sekunden vor Kursbeginn (nur die Coolen kommen immer kurz vor Peng zum Kurs oder besser noch etwas zu spät, denn sie sind ja ach so busy) in den Kursraum schweben.

Nun hatte ich eben diese blaue Plastikmatte. Keine Panik, ich habe sie erst mal in die Waschmaschine gestopft und mit Essigwasser bearbeitet. Alles Leben, was jemals auf dieser Matte weilte, war somit gnadenlos ausgelöscht. Somit hatte ich also direkt mal eben wieder Minuspunkte auf dem Karmakonto angehäuft. Um es wiedergutzumachen, habe ich diese Matte jahrelang beturnt und abgöttisch geliebt. Am Ende hatte sie schon Löcher an den Stellen, wo meine Füße und Hände „Dogs“, „Chaturangas“ und „Wheels“ zusammenbauten.

auf nach goa

Irgendwann musste ich mich wohl oder übel nach einer neuen Unterlage umschauen. Ich entdeckte in einem Trainer-Shoppingportal eines Anbieters, der mit dem Haken (ich will ja keine Schleichwerbung machen …), eine günstige Yogamatte, denn ich bekam ordentlich Prozente auf meine zu der Zeit äußerst regelmäßigen Einkäufe. Vermutlich war diese ebenfalls aus PVC, aber ich hatte mir damals noch nicht so richtig den Kopf darüber zerbrochen, was ich da so unter mir liegen habe. Sei es drum – diese Matte wurde also meine zweite und begleitete mich 2013 zum ersten Mal nach Indien für mein 200-Stunden-Teacher-Training in Goa. Es war heiß, wir schwitzten wie die Schweine und die Matten mussten mindestens einmal wöchentlich gewaschen werden, sonst hattest du auf einmal den doppelten Platz für dich allein. Was nun folgte, war das nächste Vergehen am Karma.

meine dauergewellte matte

Ich verlieh meine Matte! Einer meiner Mitschüler hatte seine Matte verlegt und wollte aber dennoch an unserem freien Tag sportlich aktiv werden. Warum auch immer, denn ich für meinen Teil war einfach nur heilfroh, meinen geschundenen Körper nur noch auf die Sonnenliege am Strand schleppen zu müssen. Also gab ich ihm meine und er versprach, sie im Anschluss zu waschen. Alles klar! Die wöchentliche Wäsche hatte ich von der Backe. Ungünstig war nur, dass er die Matte zum Trocknen auf einen Bambuszaun in die pralle Mittagssonne hängte. Meine Matte hatte spontan Locken und ich musste die restlichen drei Wochen immer höllisch aufpassen, nicht zufällig an einer der Beulen hängenzubleiben oder zu stolpern. Es wurde also wieder mal Zeit für eine neue Matte.

yogische kapitalverbrechen

In Indien turnt man seine Asanas traditionellerweise auf einer Art handgewebtem Teppich. Diese „Rugs“ sind absolut nicht rutschfest und man muss all seine Fuß- und Beinmuckis motivieren, um brav mitzumachen, damit man nicht unfreiwillig im Spagat landet. Meine Yogaschule verkaufte diese und eigentlich nahm ich mir nur eine als Souvenir mit zurück. Aber, wenn der Berliner Sommer mal wieder so richtig heiß ist und ich draußen unter blauem Himmel meine Praxis absolvieren möchte, nutze ich sie echt gern. Wieder einmal ein yogisches Kapitalverbrechen, denn eigentlich sollte man immer am gleichen Ort und möglichst zur selben Zeit üben. Und unter freiem Himmel schon mal gar nicht. Aber wen interessiert das schon, wenn die Sonne scheint und man etwas Tanning in die Praxis integrieren kann.

partner in crime

Als ich wieder daheim war, durchforstete ich das Internet nach einer Matte für die Heimpraxis, die extralang war für die Rückwärtsrollen und all die anderen zirkusreifen Dinge, die mir bevorstanden. Einen Fehlkauf später landete ich auf Empfehlung bei einer Firma, die Bausinger heißt. Meine nächste Investition galt einer zweieinhalb Meter langen und vier Kilogramm schweren Ashtanga-Yogamatte von eben dieser Firma. Und Leute, diese Matte dient mir als treuer Begleiter immer noch sechs Mal die Woche  in den frühen Morgenstunden. Die Matte sieht seltsamerweise aus wie gerade neu gekauft, obwohl ich auf ihr seit mehr als vier Jahren meine Übungen rauf und runter exerziere. Ein gnadenlos guter Kauf, keine Frage. Dieses Mal ist es auch keine PVC-Matte. Ich kann also getrost in der Kindspose mal einen tiefen Atemzug nehmen, ohne gleich das mulmige Gefühl zu haben, in Hongkong auf einer Hauptverkehrsstraße zu stehen.

Um meinen Koloss nicht zu meinen Kursen, Workshops oder auf Reisen in einem Bollerwagen hinter mir herziehen zu müssen – denn zum Tragen ist sie definitiv zu schwer – besitze ich nun noch eine Reisematte von Jade aus Naturkautschuk, ebenfalls in der extralangen Variante. Alle Ashtangis verstehen mich. Diese hat die ersten zwei Wochen fürchterlich gestunken, aber das ist bei Naturkautschuk eben nun mal so. Sie hat alle Siegel, die man wohl auch bräuchte, um sie sich getrost als Aufschnitt aufs Butterbrot legen zu können, und war letztes Jahr mein Partner in Crime bei meinem zweiten Teacher Training in Rishikesh. Sie ist recht dünn, so dass man ab und an mal ein Handtuch unter die Knie oder den Kopf packen muss. Geht sicherlich auch ohne, aber wenn keiner hinschaut, bin ich gern ein Prinzesschen mit etwas mehr Komfort.

Yogamatten-Himmel

Das sind sie nun, all die ehemaligen und auch momentanen Lieblinge. Das Erstaunliche ist, dass alle meine (zumindest die selbst gekauften) Matten schwarz sind und so tummeln sich die „All Blacks“ in meinem Wohnzimmer. Nur die allererste blaue und auch die mit den Brandblasen – diese zwei gibt es nicht mehr. Mögen sie im Yogamatten-Himmel glücklich sein! Alle anderen Mitglieder meiner schwarzen Gang werden entweder regelmäßig oder zumindest manchmal noch benutzt. Selbst der eine Fehlkauf dient jetzt meiner besseren Hälfte als Sportmatte für sein Training.

Ich hoffe, dass all meine Lieblinge mich noch jahrelang durch die wildesten Positionen, durch Höhen und Tiefen während der allmorgendlichen Turnerei und auf vielen Reisen begleiten mögen. Ich verspreche euch, gut zu euch zu sein – euch zu pflegen, zu waschen und nur mit sauberen Füßen zu betreten. Danke, dass ihr für mich da seid – jeden Tag aufs Neue.

Das Buch von Michaella Weller “Cross-Yoga für Sportler” gibt es hier!

Fotos by André Siodla MEDIA2MOVE

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2018-04-11T11:46:35+00:00 0 Comments

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