Und dann kam der Burn-out

An diesem Tag war es soweit. Es war etwas geschehen, dass so gut wie nie in dieser Welt geschieht. Ein Ereignis, dass es während der gesamten Menschheitsgeschichte derart selten gegeben hat, dass man es wohl an einer Hand abzählen kann. Eine Art Sonnenfinsternis quasi. Ich habe mein Training abgebrochen.

Ausgelaugt und ausgebremst

Mittendrin! Ich hatte den ersten Teil meines Trainingsplans mehr schlecht als recht erledigt, als ich während einer Pause auf der Hantelbank saß und spontan entschied – für heute ist es das gewesen. Ich habe gerade eine anstrengende Zeit. Es liegt privat einiges im Argen. Keine Sorge, ich werde nicht zum Single 😉

Es grummelt an anderer Stelle. Eigentlich ist sogar ein regelrechter Vulkan ausgebrochen. Worum es im Detail geht, werde ich hier nicht ausbreiten, aber ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich, seit der Trennung meiner Eltern und weniger depressiver Episoden in meinem Leben, nicht mehr so emotional niedergeschlagen und ausgelaugt war. Zudem liegt meine Lebensgefährtin seit sechs Tagen mit einer ordentlichen Grippe flach, so dass ich mich enorm strecken muss, um den Haushalt (zumindest provisorisch), die Versorgung der Kinder – und auch ein bisschen meiner Frau – sowie mein Geschäft unter einen Hut zu bringen.

Meine Oma erhielt vor drei Wochen eine Krebsdiagnose und steht kurz vor einer schweren OP und zusätzlich eben jene schwere familiäre Krise, deren Inhalt ich jedoch für mich behalte. Ich bin traurig und wütend zugleich, tief besorgt, hilflos und nicht zu vergessen – hundemüde.

Um 12:47 Uhr war Schluss

Ich möchte nicht jammern, nur kurz den Leser in den Kontext dieser Geschichte setzen. Es soll einfach etwas nachvollziehbar gemacht werden, dass meine Stimmung derzeit, sagen wir, mühsamst vor dem Zusammenbruch bewahrt wird. Während der letzten zwei Wochen habe ich dennoch ohne jede Unterbrechung trainiert. Jede einzelne Wiederholung meines Trainingsplans ist abgerissen.

Um ganz genau zu sein: Ich habe 565 Wiederholungen mit einer durchschnittlichen Hantellast von 108 kg absolviert und dabei insgesamt 61 Tonnen bewegt. Das ist für einen Freizeitsportler schon ein ganz ordentlicher Humpen. Wobei … nicht ganz, denn Mittag um 12:47 Uhr habe ich mein Training vorzeitig abgebrochen, weil ich mich wie ausgeschissen gefühlt habe.

Ich hatte überhaupt keinen Dampf, war lahm, kraftlos, frustriert und vor allem willenlos. Wer in einer derartigen Verfassung an ein schweres Gewicht geht, riskiert eine ernsthafte Verletzung. Diese Erfahrung musste ich schon einmal schmerzlich machen und deshalb habe ich es an diesem Tag gut sein lassen.

Und es fiel wie Schuppen von den Augen

Ich bin häufig erschöpft. Tatsächlich war ich, während meiner ersten psychotherapeutischen Behandlung, darauf eingestellt, dass mein Therapeut und ich uns in erster Linie mit meiner Kindheit beschäftigen würden. So hatte ich das wohl mal in irgendeinem Film gesehen.

Ich arbeitete damals hauptsächlich in der Innenstadt, mein Therapeut allerdings befand sich gute 25 Kilometer außerhalb. Natürlich nutzte ich diese Strecke für Intervallfahrten auf meinem Fahrrad – von Ampel zu Ampel. Ich hetzte also aus meinem Personaltraining-Termin (womöglich war dieses noch ein Läufchen im Park) mit dem Rad zum Therapeuten, der mir dabei helfen sollte, meine Kindheit aufzuarbeiten, damit ich mich nicht mehr so niedergeschlagen und ausgelaugt fühlen würde.

Der gute Mann aber unterhielt sich mit mir den größten Teil der Stunde über mein aktuelles Befinden. Ganz profane Dinge wie „Wie geht es ihnen denn heute, Herr Peschke, sie sehen etwas verschwitzt aus?“ Ich hatte mir zwar im Treppenhaus flink ein frisches Shirt übergeworfen und die Hose gewechselt, damit ich keine Schweißflecken im Shrink-Sessel hinterlassen würde, aber natürlich stand mir das Wasser auf der Stirn. Ich antwortete also wahrheitsgemäß, dass ich ziemlich müde wäre und – „Müde? Ja, das kann man deutlich sehen. Wie viele Stunden haben sie denn die letzten Nächte so im Schnitt geschlafen?“

Ich überlegte kurz und sagte dann, dass es so etwa sechs Stunden gewesen sein dürften, vielleicht auch mal nur etwas über fünf. Er stellte mir derlei Fragen immer wieder und offensichtlich gab ich dazu auch ständig Anlass. Eines Tages teilte ich dem Therapeuten mit, dass ich mich ohne Problem jetzt sofort auf seinen Flokati legen und einschlafen könnte. Ich wäre so scheißmüde, dass es mir schwerfiele, dem Gespräch zu folgen. Und da plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen – ich war deshalb seelisch so am Ende, weil ich einfach fix und fertig war.

Vom Studio zu Online-Anfragen zum Flyerverteilen …

Ich fing mit 19 Jahren an, im Multilevel-Marketing zu arbeiten. Ich wollte unbedingt mit 30 Jahren Millionär sein. Keine Ahnung warum. Das ist heutzutage einfach hip. Die Leute denken, dass ein Millionär den lieben langen Tag lang seinen Hobbys nachgeht, alle Frauen dieser Welt haben kann, schläft, so lange er will, und überhaupt viel glücklicher ist. Irgendsoetwas werde ich wohl auch gedacht haben.

Ich las die einschlägigen Bücher: Der beste Networker der Welt, Rich dad / poor dad, die reichen Männer von Babylon, in 7 Jahren zum Millionär, Rule Number 1 und so weiter und so fort. Ich hatte einen Narren daran gefressen und eines konnte ich in allen Büchern lesen: Ich muss hart arbeiten. So hart, wie ich nur kann, und dann noch etwas härter. Ich arbeitete in mehreren Fitnessstudios, studierte Sport und Geschichte und wenn ich nach Hause kam, dann telefonierte ich meine Online-Anfragen für „Arbeiten von zu Hause“ ab.

Ich hatte einen festen Gesprächsablauf und mein Ziel war es, den Interessenten zum Einstieg in meine „Downline“ zu bewegen. Der so geworbene „Distributor“ musste hierzu lediglich Ware im Wert von etwas über 4.000,00 € bestellen. Dies war der „optimale“ Einstieg für ihn, mit der größten Marge beim Wiederverkauf der Produkte, welche ihm selbstverständlich regelrecht aus der Hand gerissen wurden. Nicht 😉 Warum die Haferspelzkleie-Pillen für 38,00 € die Dose nicht gut gingen, ist mir bis heute ein Rätsel …

Wie dem auch sei, ich telefonierte also die Abende über. Sehr zur Freude meiner damaligen Freundin, für die ich leider keine Zeit hatte während meiner Jagd auf die Millionen. Nachts ging ich dann flyern. Immer 500 Stück in Briefkästen und hinter Autoscheibenwischer. Titel: „Geschäftsidee! Arbeiten von zu Hause! 2.000,00 € und mehr monatlich möglich!“ oder „Schlank in zehn Wochen! Kontaktieren Sie blablabla!“ Anschließend schlief ich fünf Stunden, dann ging alles von vorn los.

Der Erfolgsmensch? Im Arsch

Ich war im Arsch. Wirklich hinüber und die Anschaffung meines ersten Smartphones gab mir den Rest. Ich war permanent online: E-Mails checken, SMS, später kamen WhatsApp, Facebook und Co. hinzu. Irgendwo gibt es immer etwas Neues, Lesenswertes, Ultrawichtiges, Nachrichten und was die anderen so treiben.

Während meiner ersten Therapie begriff ich eines: Ja, ich hatte ein paar unschöne Momente während meiner Kindheit und Jugend, ja, die Trennung meiner Eltern hat mich nachhaltig belastet, aber so richtig im Eimer war ich vor allem, weil ich ständig am Hetzen war und meine Sinne permanent flutete mit allem möglichen digitalen Input. Das Internet ist voll von Leuten, die mir versprechen, ihre Methode würde mich zum Millionär machen. All diese Phrasen – lebe deine Träume, harte Arbeit macht sich bezahlt, von nichts kommt nichts, das Leben ist kein Ponyhof. Die Leute brüsten sich in Gesprächen mit ihren Wochenarbeitszeiten, alle erzählen einem, sie seien im Stress, alles wäre so anstrengend und so hart.

Insgeheim finden wir es doch alle ein bisschen geil, wenn es sich so anfühlt. Wenn wir erzählen können, wie sehr wir dem Bild des erfolgreichen, sich selbst verwirklichenden Menschen des 21. Jahrhunderts entsprechen. Auf Plakaten, Bildschirmen, in Magazinen – überall grinst er uns an: der immer glückliche, gutaussehende, durchtrainierte Prototyp des Erfolgsmenschen.

Die Frage: Wer macht schlapp und landet in Behandlung?

Besonders tun mir hier neuerdings die Frauen leid. Die Emanzipation, so scheint mir, zwingt die moderne Frau in jedwede Rolle: liebevolle Mutter, attraktive Lebenspartnerin, selbstbewusste Karrieristin. Der Tag hat aber nur 24 Stunden. Um langfristig gesund zu sein, sollte man acht davon schlafen, bleiben also noch 16 Stunden.

Wenn man bedenkt, dass man täglich mindestens eine Stunde mit der Hygiene beschäftigt ist, sicherlich eine Stunde mit der Nahrungsaufnahme verbringt („Essen“ kann man so ein Verhalten ja nicht nennen) und sich in einer Stadt wie Berlin bestimmt noch einmal mindestens eine Stunde in Verkehrsmitteln aufhält, bleiben also noch 13 Stunden übrig. 13 Stunden für neun Stunden normaler Arbeitszeit (ich als Selbständiger arbeite gern auch mal 13 oder 14 Stunden – hier bekommen wir rechnerisch schon ein Problem, nicht wahr?!), vier Stunden für den Haushalt, die Zubereitung von Speisen und die Kinder. Kommt jetzt noch ein außerordentliches Telefonat oder irgendeine andere unvorhergesehene Kleinigkeit hinzu, beginnt die Struktur zu bröckeln.

Über so triviale Dinge wie körperliche Bewegung, Freunde, Intimität haben wir noch gar nicht gesprochen. Wann auch? Die Kinder werden im Grunde abgefertigt, das Familienleben beschränkt sich auf das Wochenende. Oftmals passiert aber auch hier nicht viel, weil allen die Woche in den Knochen steckt und keine Kraft mehr übrig ist für großartige Aktionen. Außerdem ist man entwöhnt voneinander und entwöhnt von der „Freizeit“.

Sowas kann doch auf Dauer nur schiefgehen. Hier ist doch nicht die Frage, ob das Freude ins Leben bringt. Hier ist doch nur die Frage, wer hält durch und wer macht schlapp und landet in psychologischer Behandlung.

Hamsterrad mit Folgen

Wir nehmen Medikamente, um weiter im berühmten Hamsterrad laufen zu können, Beziehungen zerbrechen und Eltern haben keinen Draht mehr zu ihren Kindern. Immer mehr Menschen sind unglücklich, depressiv und empfinden ihr Leben als sinnlos. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen mir regelrecht aggressiv begegnen, wenn sie meinen, dass ich zu häufig in den Urlaub fahren würde.

Mal ehrlich – wie verrückt ist das denn? Da verbringt ein Mensch Zeit mit seinen Liebsten, lässt die Seele baumeln, schläft sich aus – tut also all dass, was nachweislich glücklich macht und gesund hält (hierzu gibt es mittlerweile etliche und eindeutige Untersuchungen), und er wird dafür von einigen seiner Mitmenschen misstrauisch beäugt oder gar abfällig behandelt. Was läuft da nur verkehrt?

Wozu auch der ganze Tanz? Wem oder was jagen wir da eigentlich hinterher? Der Vermehrung des Wohlstandes? Was ist eigentlich Wohlstand? Wie beurteilen wir diesen? Am Besitz? Am Prokopfeinkommen? An der Gesundheitsversorgung? Warum werden wir eigentlich in erster Linie krank und inwiefern hat unser Gesundheitssystem damit zu tun, uns wirklich gesund werden zu lassen? Oder noch besser: gesund zu halten? Ich stelle mir immer häufiger diese Fragen. Gerade auch als Unternehmer, als jemand, der sich täglich intrinsisch motivieren muss, den Hintern hoch zu kriegen. Auch als Vater, der sein erstes Kind spätestens mit dem Schulbeginn in sein eigenes Hamsterrad gesetzt hat und es nun ständig antreibt, gefälligst auch ordentlich zu sprinten.

Genießen, dass eigentlich alles da ist

Ich habe hier keine endgültige Lösung zu präsentieren. Ich bin auch nicht der einzige, der sich hierüber Gedanken macht. Ich für meinen Teil habe vorläufig entschieden, nicht mehr bis zur Sonnenfinsternis zu warten, bis ich mir eine Pause erlaube. Ich werde zukünftig jeden Sonnenuntergang, und den gibt es meines Wissens nach immer noch täglich, dazu nutzen, innezuhalten und mich zu fragen: Will ich das noch? Welchen Zweck verfolge ich gerade? Passt dieses Verhalten in meinen Anspruch an das Leben oder verwechsle ich gerade wieder das Hamsterrad mit einer Leiter, die vermeintlich irgendwohin führt?

Vielleicht gehe ich morgen wieder an die Hantel. Vielleicht auch nicht.

In diesem Sinne, entspann dich und genieße, dass meistens alles schon da ist.

Nic`x für ungut und Sport frei!

Coach Nico

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2017-11-17T17:12:43+00:00 0 Comments

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