Auch das Glück hat seinen Preis –

Warum ich mir wünsche, dass mehr Leute in CrossFit Boxen trainieren

Kürzlich bin ich als Coach zur Eröffnung der Functional Training Area einer großen Fitnessstudiokette gebucht worden. Meine Aufgabe war es, den Mitgliedern diesen neuen Bereich, bestehend aus einem Rack, ein paar Kettlebells, Ringen und Seilen, mittels einiger angeleiteter Kurse schmackhaft zu machen. Gemäß meiner Einstellung habe ich mich sehr bemüht und entsprechend waren eigentlich alle Teilnehmer meiner Kurse abschließend begeistert. Es kam dann sehr häufig die Frage, ob denn diese Kurse jetzt regelmäßig stattfinden würden. Als ich dies verneinte und erklärte, dass es sich um eine einmalige „Eröffnungsaktion“ handeln würde, gab es oftmals Unverständnis und Empörung. Warum denn so etwas Tolles nicht fest in den Kursplan integrierbar wäre. Man zahle ja schließlich einen Beitrag. Auf meine Erkundigung hin, wie hoch denn dieser Beitrag wäre, stellte sich heraus, dass sich der mittlere Mitgliedsbeitrag dieser Kette auf 19,90 € monatlich beläuft.

Zwischen Fitnessbloggern und Massentauglichkeit

Wie vielleicht einige wissen, bin ich selbst Betreiber einer CrossFit Box. Für unsere „Unlimited-Mitgliedschaft“ müssen 119 € monatlich berappt werden. Wir bezahlen hiervon unsere qualifizierten Trainer, außerdem die Miete, Betriebskosten, Material und Equipment, Versicherungen und zuletzt bleibt ein kleines Gehalt für mich und meine Geschäftspartnerin über. Unser Ziel ist es, unseren Mitgliedern Ergebnisse zu verschaffen. Und sowohl den Mitgliedern, als auch den Mitarbeitern ein Umfeld bereitzustellen, in welchem sie gerne Zeit verbringen und welches einen sinnvollen Beitrag in ihrem Leben leistet. Unsere CrossFit Box ist funktional eingerichtet, jedes Teil hat seinen Sinn und Zweck. Wir hatten nie Geld genug, um unsere Halle fancy zu gestalten, aber wir haben ein Ideal und arbeiten hart, um dieses täglich an den Mann und die Frau zu bringen.

In Zeiten von YouTube mit tausenden Fitnessbloggern und sicherlich mindestens mehreren 100 Videoanleitungen allein zur Übung „Deadlift“, meinen wohl viele Leute, sie bräuchten niemanden, der ihnen fachmännisch beibringt, wie man z.B. ein solches Anheben einer Hantel vom Boden bis zur Hüfte biomechanisch korrekt ausführt. Was soll schon ein Klimmzug sein? Einfach ran gehangen und dann hoch dit Kinn über die Stange. Davon möglichst viele und fertig ist der Lack. Liegestützen, Kniebeugen, alles kein Problem. Die entscheidende Übung ist sowieso Bankdrücken.

Eine Körperhaltung wie ein Geier

Diesen Typ Fitnesssportler findet man zumeist in den Hantelecken der einschlägigen Einrichtungen. Im Durchschnitt ist er 20 bis 35 Jahre alt und schaut grimmig drein in seinem Muskelshirt. Spätestens nach 2 Jahren Training hat sich sein Kopf nach vorn verschoben und die Gesamtkomposition Oberkörper erinnert zunehmend an einen Geier aus einem Lucky Luke Comic, der mit gebogenem Hals und drei Haaren auf dem Schädel auf einem Stein hockt. Nicht selten sehen die Arme wie Beine aus, wobei Letztere nicht zum Körper zu gehören scheinen. An diesen Beinen ist immer noch der 14jährige Junge zu erkennen, der sich voller Minderwertigkeitskomplexe in die Muckibude begeben hat. So richtig körperlich ausgereift sind diese Knaben nicht. Oftmals ordentlich angefettet, mit eben dem Bankdrücken angepasster Körperhaltung und Beinen wie Stecklinge, selbstverständlich ohne jede Gesäßmuskelausprägung. Hin und wieder verirrt sich mal ein Genet in diese Gruppe und sieht bombastisch aus. Dieser Kerl allerdings hätte sich auch als Gerüstbauer zum Hulk entwickelt, weil seine Genetik nur darauf gewartet hat, dass irgendein Gewicht irgendwie an seinem Körper zieht und fortan die DNA-Sequenz „Wachstum“ non-stop abgelesen wird.

Weiterhin findet man den Intellektuellen. Dieser Fitnessstudiogänger verkleidet sich ein Bisschen wie ein Bankdrück-Geier, aber verrät sich dadurch, dass er eher scheu durch den Hanteldschungel schleicht. Er trägt gerne Unterhemd (sieht besonders sportlich aus) und ist auch sonst eher sparsam gekleidet, schließlich ist ihm vollkommen klar, dass nicht der Dress den Sportler macht. Er führt i.d.R. ein Notizheftchen mit sich, in welches er akribisch seine Übungen mit Wiederholungen, Satzzahl und Gewichten einträgt. Er trainiert freilich nach einem vorgefertigten Trainingsplan und führt jede Wiederholung mit großer Konzentration aus. So trainiert er und trainiert er und trainiert er… und sieht immer gleich aus.

Planlosigkeit in hundert Facetten

Es gibt etliche Typen – überausgerüstete Technikfreaks mit feschen Uhren und Cyberkleidung, Oldschoolpumper in Schnellfickerhose (Ja wirklich! Sowas gibt es auch noch in 2018! Wobei die mir fast am sympathischsten sind…), sexy Frauen mit Willen im Blick, fokussiert und kein Interesse an irgendwem anderen, dicke Muttis in Endlosschleifen auf den Crosstrainern, alte Männer mit Stirnband und Krampfadern und noch einige mehr.

Und ich habe tatsächlich den Eindruck, keiner von denen hat so wirklich einen Plan davon, was er oder sie dort eigentlich tut. Die vollführen die wildesten Übungen, einige squatten sogar voller Eifer, aber es sieht alles so furchtbar aus. Und es führt zu nichts. Sicher, der ein oder andere hat ein paar Kilos von seinem Übergewicht verloren oder sowas in der Art, aber etwas gelernt hat doch kaum einer von denen. Die Orang-Utans aus der Hantelecke rennen wie Baumstämme auf Streichhölzern und halten nach 1 km keuchend das Laufband an. Die Dicken von den Crosstrainern trauen sich nicht mal in die Nähe einer Klimmzugstange und die Alten machen entweder völligen Mumpitz oder gar nichts. Ganz ehrlich: 19,90 € Hin oder Her, aber das ist doch nix Halbes und nix Ganzes.

Geiz ist geil vs. Lable-Wahn

Die Leute werfen ihr Geld für soviel Blödsinn raus. Kaufen sich Suff und Zigaretten, teure Kleidung, Hippsterkaffee bei Starbucks und so weiter. Warum tun die sich das an, sich in einer Halle mit Baumarktflair durch so einen lieblosen Gerätepark zu strampeln? Ich weiß, es gibt Menschen, die müssen wirklich extrem hart auf den Taler schauen. Da sind selbst 20 Mäuse im Monat schon eine ernste Größe. Nur gehen diese Leute nicht besonders häufig in Fitnessstudios. Ich verstehe also nicht, wie jemand dort in 180 € Nike Airmax rumturnen kann, dann aber nur bereit ist 19,90 € für seine Gesundheit und Schönheit auszugeben.

Abgesehen davon denkt auch offensichtlich niemand darüber nach, weshalb ein Mitgliedsbeitrag derart gering sein kann. Durch knallhartes Sparen natürlich. Sparen am Inventar, sparen an den Betriebskosten und vor allem auch sparen am Personal. Das ist das Gleiche wie beim Friseur. Viele regen sich auf, die sozialen Schichten würden auseinander driften, gehen dann aber ganz selbstverständlich zum 8 € Haarschnitt. Es ist wahrscheinlich so, wie mit allem – Leute setzen Prioritäten. Ich schaue also die Teilnehmer meines Kurses bei Billig-Fitness an und all dies geht mir durch den Kopf, als ich schließlich sage, dass ich denke, dass man für eine „Nutzungspauschale“ von 19,90 € einfach nichts erwarten sollte. Ich meine, am Ende geht es doch um Wertschätzung – also um Respekt. Ich drücke meine Anerkennung für die Leistung eines anderen aus, indem ich ihm das zukommen lasse, auf was wir uns im gesellschaftlichen Konsens verständigt haben – eine adäquate Menge Geld.

Ode an die Box

Ich gebe also meine Kurse und unterhalte und beschere den Leuten eine schöne Zeit. Ich spüre, wie sie schwitzend ihre Batterien aufladen. Ich merke, wie gelöst und glücklich sie nach dem WoD sind, welche Nähe nun zwischen uns besteht. Ich habe gute Kniebeugen lehren können und die Teilnehmer, die sich teils erst im Kurs kennengelernt hatten, klatschten einander ab, als wären sie seit Jahren gute Freunde. Ich weiß, es gibt diesen Moment, da fühlt man sich zuhause, unter seinesgleichen.

Ich sitze nun wieder in meiner Box und schreibe. Ich fühle mich gut hier an diesem Ort, den ich geschaffen habe und der an mir und an dem ich wachse. Mittlerweile gibt es doch auch ein paar Menschen, die hier ebenfalls wachsen. Als würde ein junger Baum zur Reife erblühen und es wächst ein Ast nach dem Anderen. Man kennt sich und das Wichtigste im Leben sind doch die Menschen, die einem nahe sind.

In diesem Sinne ein Hoch auf alle mittelständischen Fitnessbetriebe, Sport frei und nic`x für ungut!

Coach Nico

Spread sportial feelings
2018-03-08T17:07:20+00:00

One Comment

  1. backlink 19.04.2018 at 22:23

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