Gain im Brain

-Pumpen für die Erleuchtung-

Mit etwa 15 Jahren arbeitete ich in einer Klamotten – Boutique. Ich ging noch zur Schule, aber meine Mutter schlug vor, dass es keine schlechte Sache wäre, wenn ich selbst etwas Geld nebenher verdienen würde. Schon mal so einen Hauch von Realität, ein bisschen erwachsen werden. Also begann ich an einigen Nachmittagen in einer Klamotten – Boutique T-Shirts zu falten, Schuhe in Regalen zu platzieren und fremde Menschen zu fragen, ob ich helfen könnte. Ich fand diesen Job scheiße, es langweilte mich zu Tode und es war mir unangenehm, den Leuten dabei helfen zu sollen, sich Klamotten auszusuchen, die mir selbst nicht gefielen. Das schlimmste an dem Job war aber, dass ich permanent zu lächeln hatte. Meine Chefin flog immer wieder in Eile an mir vorbei und flüsterte mir zu „lächeln, Nico!“. Es widerstrebte mir sehr, schließlich war ich gerade in meiner GangsterRap-Phase und den Rest des Tages übte ich mich eher im grimmig dreinschauen. Ich hatte allgemein keine besonders gute Laune, ich verachtete „die Gesellschaft“ (Das waren die, die von mir verlangten, dass ich noch irgendwas anderes tun sollte, als nur Musik hören und Blödsinn machen.) und wollte möglichst hartgesotten und einschüchternd rüberkommen. Eines Tages nahm ich mir vor, tatsächlich einmal meine gesamte Schicht über zu grinsen. So ein richtig überdrehtes Jim Carrey-Grinsen, das allen zeigen sollte, wie bescheuert ich diese „lächle, Nico“ Nummer fand. Erstaunlicherweise bemerkte ich aber nach einiger Zeit, dass ich mich ganz gut fühlte. Ich war kaum noch in der Lage, meine negative Intention der Grinse-Aktion zu pflegen. Plötzlich erschien mir der Job auch nur noch halb so schlimm und vielleicht verkaufte ich an diesem Tag sogar mein erstes Paar Schuhe! Nein, ich glaube, das ist ein bisschen übertrieben. Mein erstes Paar Schuhe verkaufte ich bereits früher, aber zweifellos hatte ich so etwas wie gute Laune. Dies war meine erste bewusste Begegnung mit der wundersamen Wirksamkeit der Selbstsuggestion.

Einfach die Birne austricksen

Damals in der Boutique hatte ich kein einziges inneres Wort gesprochen in der Art wie „ich bin dankbar dafür, in dieser Boutique eine sinnvolle Arbeit verrichten zu dürfen“, sondern ich hatte einfach nur – gegrinst. Unser Gehirn ist überaus komplex und Neurologen verstehen noch längst nicht alles, was in unseren grauen Zellen vor sich geht, aber andererseits können wir es ohne große Anstrengung sehr effizient verarschen. Versuch doch mal so echt wie möglich ein lachendes Gesicht zu machen und gleichzeitig tief traurig zu sein. Es wird Dir kaum gelingen. Das Empfinden verschiedener Emotionen wie Wut, Trauer oder Freude löst die Aktivität von Neuronen aus, die wiederum für die Kontraktion verschiedener Gesichtsmuskeln sorgen. So entsteht unsere Mimik als Ausdruck von Gefühlen. Und jetzt kommt der Hit: Dieser Vorgang funktioniert auch ziemlich gut andersherum. Noch heute stelle ich in meinem Beruf den gleichen Effekt fest – egal wie mies meine Laune bei Ankunft in der Box auch sein mag (meistens ist sie mittlerweile gut), wenn ich mich wirklich darauf konzentriere meinen Job gut zu machen, all meinen Fokus hier hineingebe, dann geht es mir bereits nach wenigen Minuten deutlich besser. Es ist wirklich ganz einfach. Es erfordert nicht einmal einen echten Willen zur Veränderung. Die Birne wird einfach ausgetrickst, denn sie kann zwischen hartnäckig gespielter und echter Emotion nicht unterscheiden und die entsprechenden Prozesse setzen sich in Gang. Ich tue einfach so, als hätte ich gute Laune und nach kurzer Zeit habe ich sie dann auch. Das heißt natürlich nicht, dass man stets alle Herausforderungen des Lebens leugnen sollte. Manchmal macht einem etwas schlechte Laune oder bringt einen auf die Palme, das ist eben im Leben so. Nur die Art und Weise wie damit umgegangen wird macht den Unterschied. Ein entlastendes Gespräch mit einem anderen Menschen kann helfen. Eine andere Sicht auf die Dinge oder auch einfach nur geteiltes Leid. Trost, Beistand, Aufmunterung. Und dann geht es weiter. Wer hingegen seinen Kummer pflegt, sich in seinem Frust suhlt oder seine Wut anstachelt, der verhält sich letztlich selbstzerstörerisch. Und reißt im Zweifel noch ein paar Andere mit.

Lebensfreude teilen

Deshalb findet sich in jedem Lebensratgeber der Hinweis, sich von destruktiven, negativ eingestellten Menschen fern zu halten. Es schadet der eigenen Lebensfreude und sich selbst daran aufzubrauchen einem Menschen helfen zu wollen, der keine Hilfe will, hat noch keinem was gebracht. Wenn man bereits sehr nah bei sich selbst ist und einen stabilen Kern empfindet, dann kann man gelegentlich solchen Menschen ungezwungen anbieten teilzuhaben an der eigenen friedlichen Welt und manchmal lässt sich einer der Verbitterten darauf ein und öffnet sich und es entsteht ein wenig Nähe, aber man sollte jederzeit darauf gefasst sein, dass diese Zugänge sich schließen wie Falltore von jetzt auf gleich. Nur wer innerlich so weit ist, dass er so einen Schlag vor den Kopf nicht persönlich nehmen muss und weiter im Mitgefühl für sein Gegenüber bleiben kann, der sollte sich überhaupt der Gegenwart eines negativen Menschen aussetzen.

Jammern kann jeder

Es gibt allerdings auch einige ziemlich aufdringliche Individuen mit schlechter Energie. Hierzu zähle ich auch diejenigen, die bei Misserfolgen im Gym fluchend ihre Weight Straps durch die Gegend werfen. Oder solche die ständig Mitleid suchend vor sich hin memmen. Oder jene die sich jammernd Gründe ausdenken, weshalb sie die letzten 3 Wochen nicht ins Training kommen konnten. Ich habe selbst in meinem Leben genug gejammert, um zu wissen, dass es nichts, aber auch gar nichts besser macht. Ich glaube jeder Mensch hängt auch mal durch, aber insbesondere im Gym geht es darum, an sich zu arbeiten, nicht nur körperlich. Es passt einfach nicht an einen solchen Ort zu lamentieren oder rum zu maulen. Wir wollen im Gym wachsen und zwar in jeder Hinsicht. Ben Bergeron, einer der erfolgreichsten CrossFit Coaches, verteilt in seinen Boxen „Abmahnungen“ für`s Beschweren! Er fordert Leute tatsächlich auf zu gehen und gerne wieder zu kommen, wenn sie ihre Einstellung überdacht haben. Ihm ist wohl die Ansteckungsgefahr für den Rest der Gruppe zu hoch.

Eine mentale Herausforderung

Die Entwicklung meiner körperlichen Fitness ging bei mir immer einher mit einem großen Wissensdurst nach geistiger Entwicklung. Genauso wie ich mich der körperlichen Herausforderung verschiedener sportlicher Disziplinen stellen möchte, so bemühe ich mich auch, das Meistern geistiger Schwächen als Herausforderung zu begreifen. Klimmzug und innere Achtsamkeit gehen quasi Hand in Hand. Insbesondere was das Thema Jammern und Beschweren angeht, schadet es bestimmt nicht, sich der Destruktivität solchen Verhaltens und der zugrunde liegenden Gedankenmuster bewusst zu werden und das eigene Tun und Denken aufmerksam diesbezüglich im Auge zu behalten.

Ich wünsche also Gain im Brain oder so ähnlich, nic`x für ungut und Sport frei!

Coach Nico

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2018-03-08T17:06:58+00:00 0 Comments

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