Manuela Dreier: Über Hürden zu Sophia Thiel, Zumba und CrossFit

Mir ist es ein persönliches Anliegen, Frauen die Angst vor hartem Training zu nehmen. Und so passte es ganz gut, dass ich die Gelegenheit bekam, mit Manuela Dreier, die den 20. Platz beim Berlin Throwdown 2017 belegt hatte, ein Interview zu führen. Dabei interessierte mich insbesondere ihr Weg zum CrossFit. Und ihre weiteren Ziele im Sport.

Warum Manuela? Das ist schnell erklärt. Ich traf beim Berlin Throwdown im Juli auf einen alten Kellnerkollegen aus Studentenzeiten. Ihn hätte ich nun wirklich nicht beim CrossFit vermutet und so erzählte er mir, dass sich seine Freundin für die Competitions im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark qualifiziert hätte. Damit war meine Interviewkandidatin schnell erkoren. Wir verabredeten uns in ihrer CrossFit-Box, dem Lieblingsgym in Charlottenburg. Eine gute Idee, denn diese Box kannte ich bis dato noch nicht in Berlin. Und wie ich erfuhr, hatten sich sogar zwei Boxmitglieder für den Throwdown qualifiziert. Das lässt, ähnlich wie in einem Verein, auf eine gute Trainerarbeit und Workout-Qualität schließen.

Ich komme pünktlich zum Workout-of-the-Day-Start und kann mir gleich einen Eindruck vom Box-Life machen. Die Atmosphäre in der CrossFit-Community und in den verschiedenen Gyms ist speziell. CrossFit hat immer auch etwas „Dreckiges“ an sich. Die Athleten sind Rampensäue, die sich untereinander lautstark motivieren. Der Umstand, dass die meisten Boxen in Gewerbegebieten liegen, in den Trainingsräumen Kreide zum notwendigen Accessoire gehört und zu den WODs lautstark Musik – und zwar kein Schmuserock – läuft, tut sein Übriges.

Und dennoch empfängt dich immer eine Atmosphäre der Offenheit und eine unbeschreibliche Dynamik. Die Leute wollen anpacken und heißen Newbies herzlich willkommen.

Das WOD / 2 Rounds

  1. 3 Minutes
    350/300 M Row
    Double Unders Max Reps
    3 Minutes Rest
  2. 3 Minutes
    30/20 Cal Bike
    Strict HSPU Max Reps
    3 Minutes Rest
  3. 3 Minutes
    30/25 Jumps over Bar
    Power Snatches Max Reps (40/45/50 kg)
    3 Minutes Rest

Nachdem das Workout of the Day gerockt wurde, klatschen sich die Teilnehmer gegenseitig ab, beglückwünschen sich zu ihrer starken Leistung. Erhalten Tipps vom Trainer.

Während die nachfolgenden Teilnehmer für das kommende WOD bereits auf der gemütlichen Couch sitzen, hocken wir uns an die Bar und ich lasse Manu erstmal zu Atem kommen. Quer durch den Raum erkundigen sich die Leute nach dem letzten oder bevorstehenden Urlaub, dem Hund, der Arbeit. Die Leute gehören zusammen, sind ein Teil von etwas Ganzem. Mich erinnert die Atmosphäre an frühere Vereinszeiten …

Als das nachfolgende WOD startet, verziehen Manu und ich uns in die Umkleide, denn für unser Gespräch ist die laute Musik störend. Zuerst der Blick in den Spiegel: Sitzt noch alles? Schminke nicht verwischt? Normale Gesichtsfarbe zurückgekehrt?

Ich muss schmunzeln. Wer Manu beim Berlin Throwdown und auch beim heutigen WOD gesehen hat, kann sicher kaum glauben, dass ihr derartige Details wichtig wären. Ich wusste bereits von ihrem Job als Flugbegleiterin, ein weiteres Detail sprang mir während der Trainingssession ins Auge: Spitzenränder an ihrem rosafarbenen Tanktop. Wenn auch Vorurteil, beides assoziiere ich mit einer ausgeprägten Weiblichkeit. Für mich ein Widerspruch zum harten CrossFit-Sport.

Darauf angesprochen, lacht sie herzlichst und plaudert in ihrem Schweizer Dialekt los: „Ja, meine Mum ist Schneiderin und hat Angst, dass meine Arme zu muskulös werden. Da habe ich sie gebeten, mir einfach was Weibliches fürs Training zu schneidern.“ Ein guter Einstieg in eben dieses Thema, das mich interessiert!

Rebecca: Was ist deine sportliche Vorgeschichte und wie kamst du zum CrossFit?

Manu: In der Jugend kam ich vom Sprint über Mittelstrecke zum Hürdenlauf. Dann der Eintritt ins Erwachsenenleben, Beruf wählen, lernen, arbeiten. In dieser Zeit spielte ich Volleyball im Verein. Dann blieb der Sport lange auf der Strecke und wich meiner Süßigkeiten-Liebe. Als eine Art Alltag einkehrte, kam die Erkenntnis, dass sich meine Körperstruktur auf Kosten der Fitness in den letzten Jahren verändert hatte. Mit der damit einhergehenden Unzufriedenheit beschäftigte ich mich wieder mit dem Thema Sport. Den praktischen Wiedereinstieg verdanke ich YouTube und Sophia Thiel. Ich meldete mich im Sportstudio an. Ein bisschen Gerätetraining, ein bisschen funktionelles Training, auch Zumbakurse habe ich in dieser Zeit regelmäßig besucht. Der dortige Trainer Simon Keppler, ein guter Freund meines Freundes, beschäftigte sich zu diesem Zeitpunkt bereits stark mit dem Thema CrossFit, und überlegte, eine eigene Box zu eröffnen. Und so kam ich das erste Mal mit CrossFit in Berührung. Die Herausforderung, bis an die eigenen Grenzen zu gehen – höher, schneller, weiter –, und der Ehrgeiz, beim nächsten WOD die Liste anzuführen, packte mich. So stand es nicht zur Debatte, in der bald darauf von Simon eröffneten Box Lieblingsgym Mitglied zu werden.

Hast du Angst, dass du noch muskulöser wirst? Und welche Reaktionen erhältst du von der Außenwelt?

Meine Mum war sogar beim Berlin Throwdown dabei, weil sie sich die anderen Mädels ansehen, sich einen Eindruck verschaffen wollte, wie ihre eigene Tochter zukünftig aussehen würde, wenn sie den Sport weiter betreibt. Von ihr habe ich hinterher den Segen bekommen. Mein Freund lebt nach der Devise ,Du musst dich wohlfühlen’.

Und du selbst?

Im Moment finde ich meinen Körper genau richtig proportioniert. Möglicherweise baue ich weiter auf, um die gewünschten Leistungen liefern zu können. Und wenn es mir irgendwann tatsächlich zu viel wird, baue ich halt einfach wieder ab. Das Positive an CrossFit ist, dass du dich zwangsläufig genauer mit deiner Ernährung auseinandersetzt. Und im Moment habe ich gar nicht das Bedürfnis, mich auf Langstreckenflügen mit Keksen vollzustopfen …

Wie lässt sich der Sport mit deinem Job, in dem du häufig in Übersee unterwegs bist, vereinbaren?

Ja, das ist schwierig. Jobbedingt habe ich zwangsläufig Trainingspausen. Ich versuche dann wenigstens im Hotel Übungen zur Stabilisation und Mobilisation zu machen.

Welches ist dein nächstes sportliches Ziel?

Der Handstand-Walk und der Muscle-Up ließen meine Chancen auf einen der vordersten Plätze beim Berlin Throwdown schwinden. Der Muscle-Up ist eine Herausforderung, die ich aktuell verstärkt angehe. An guten Tagen schaffe ich mittlerweile schon drei Wiederholungen an den Ringen.

Welche Position nimmt Simon, der Box-Owner, bei der Zielerreichung für dich ein?

Bis zur Berlin-Throwdown-Qualifikation im März 2017 war es Simon gar nicht bewusst, dass unter seinen Mitgliedern auch jene Ehrgeizigen sind, die an Wettkämpfen teilnehmen möchten: Für den Berlin Throwdown hatte sich plötzlich ein Team gebildet, das es sich in den Kopf gesetzt hatte, sich für die Team-Challenge zu qualifizieren. Ich hatte mich zusätzlich aus Spaß allein für die Female-Kategorie beworben. Während das Team eine der Qualifikationsrunden nicht weiter verfolgte, habe ich einfach weitergemacht. So habe ich mich für die Teilnahme im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark qualifiziert. In dieser Zeit haben die Trainer gezielt an meinen persönlichen Skills gearbeitet und mir Tipps gegeben sowie gezielte Trainingseinheiten verordnet.

Mit Erfolg! Manu landete auf dem 20. Platz. Nach der erfolgreichen Platzierung gleich zweier seiner Athleten und der Befürwortung seitens der Mitglieder hat Box-Owner Simon einen weiteren Kurs eingeführt, der sich einmal pro Woche spezifisch mit den Skills der Wettkampf-orientierten Mitglieder auseinandersetzt. Mittelfristig können so weitere Athleten und Athletinnen aufgebaut werden, die sich und ihre Mentor-Box im Wettkampf behaupten. Sofern sie es denn wollen. Ich jedenfalls drücke fest die Daumen, bedanke mich für dieses tolle Interview und hoffe, es macht vielen Frauen Mut, die nächste CrossFit-Box aufzusuchen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Wer einmal mit dieser starken Community in Berührung kam, kommt nicht mehr los.

Von Rebecca (passionate of sportaholix)

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2017-10-18T21:09:53+00:00 0 Comments

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