nicx für ungut! Danke sagen, ist gesund und macht stark!

Ich habe Ralf in Italien kennengelernt. Er planschte mit zwei kleinen Kindern und ich hielt ihn für den Opa der beiden. Ich absolvierte ein kleines Workout am Strand und konnte es gut hören, als Ralf zu einer attraktiven Frau, vermeintlich seine Tochter, sagte: „Na schau mal, das ist aber so ein richtig stattlicher Italiener, der da drüben turnt!“ Die beiden hatten also keine Ahnung, dass ich Deutscher war und ihr Kompliment vernommen hatte. Da sprach meine Freundin sie an: „Und der spricht ziemlich gut deutsch, der Italiener.“ Die drei kamen ins Gespräch, ich kam dazu und die erste nachhaltige Urlaubsbekanntschaft meines Lebens war entstanden. Wir aßen an diesem Abend alle gemeinsam, Tine, ich, unsere Kinder, sowie Ralf mit seiner Frau und seinen zwei Kindern – die Sache hatte sich schnell aufgeklärt 😉

Auf unserer Heimreise nach Berlin legten wir bei unseren neuen Freunden einen dreitägigen Zwischenstopp ein und von da an, besuchten wir uns gegenseitig etwa zwei bis dreimal im Jahr. Es ging immer herzlich zu, Berliner Schnauze und sächsische Herzlichkeit passten gut zueinander, Ralf und ich hatten so manches Männergespräch abends am glimmenden Grill mit Bierchen und bis spät in die Nacht. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass Ralf seine Kinder sehr liebte. Es gab noch zwei weitere Kinder aus früheren Beziehungen, die ihm auch wichtig waren, aber am meisten forderten aktuell seine zwei Nachzügler seine Aufmerksamkeit, ein kleiner Junge und ein Vorschulmädchen. Ständig hüpften sie auf ihm rum, Papa hier, Papa da. Er betrieb ein saisonales Geschäft und hatte die meiste Zeit des Jahres sehr viel Zeit für seine Kinder und so war er quasi Hausmann mit allem Drum und Dran. Ralf hat mir bei unserem ersten Besuch das Elbsandsteingebirge gezeigt, das fand ich cool. Mit allen Kids sind wir da rumgekrackselt und Ralf hatte immer mindestens ein Kind auf den Schultern, meist noch eins auf dem Arm. Ich glaube, seine Kinder waren ihm das „Ein und Alles“.

Triviale Scheiße vom Wichtigen trennen

Ralf ist tot. Seit dem 28.11.2017 schlägt sein Herz nicht mehr mit im Trommelkonzert der Menschheit.

Ich habe die Nachricht heute erhalten. Ich war gerade dabei Frontsquats zu machen. 3er Serien mit 120kg. Wer mich kennt, der weiß, meine Beine sind nicht besonders stark und 120kg ist für mich schon eine Menge. Ich habe die Serien durchgezogen, weil ich mir irgendwie dachte, dass das jetzt nichts miteinander zu tun hat. Ralf`s Tod und meine Squats. Es ist nicht so, dass ich ein gefühlloses Arschloch bin. Im Gegenteil, ich bin sehr gefühlvoll und habe nur beigebracht bekommen, meine Gefühle wegzudrücken. Ich habe mir das zu guten Teilen selbst beigebracht, denn es gab ja diese Zeit, während der ich meine eigenen Gefühle kaum mehr aushalten konnte. Ich habe dann noch eine Stunde Personal Training gegeben und bin anschließend nach Hause gefahren. Auf dem Weg nach Hause habe ich darüber nachgedacht, was mich eigentlich so die letzten Wochen über bewegt hat. Der treue Leser weiß, dass es tatsächlich und ungewöhnlicher Weise einige sehr unangenehme Begebenheiten in letzter Zeit in meinem Leben gegeben hat, ich war also vielleicht schon etwas „vorsensibilisiert“, aber neben diesen Dingen hat mich einfach auch echt viel triviale Scheiße beschäftigt.

Shunyata – nichts hat einen Sinn, bis wir ihm einen geben

Was will ich hier eigentlich sagen? Ich will wohl sagen, dass das eigene Leben in den Augen desjenigen, der dieses Leben gerade selbst lebt, sicherlich voll ach so wichtiger Dinge ist. Dinge wie, warum die blöde Vodafone einem das falsche iPhone geschickt hat oder, ob man sich jetzt noch ein Stückchen Schokolade gönnt, obwohl man doch auf die Linie achten wollte, aber letztlich, unterm Strich, ist das allermeiste davon doch sowas von scheißegal.

Im Buddhismus gibt es das Prinzip der Leere. Das sogenannte „Shunyata“ sagt im Grunde aus, dass nichts einen Sinn hat, bis wir ihm einen geben. Nichts ist für die Dauer und alles bedingt sich gegenseitig. Und wenn dies vielleicht sogar für den Tod gilt, warum zum Geier mache ich mir dann eine Platte um die Inflation? Es ist ja nicht so, dass ich wegen der Inflation jetzt politisch aktiv werden würde. Dann hätten meine Gedanken ja wenigstens noch einen Sinn, aber die schiere Grübelei ist doch einfach nur verschwendete Aufmerksamkeit.

Idealtypus: dankbarer Mensch

Ich werde gerne älter. Weil ich viele Dinge viel klarer sehe als mit 20 und ein paar Entwicklungen da draußen liegen mir eindeutig nicht. Was ist los mit einer Kultur, in welcher die Menschen sich zuallererst über ihren wirtschaftlichen Status und ihr gutes Aussehen definieren? Es gibt einige Kulturen, die das ganz anders handhaben. Entspannter, liebevoller, toleranter. Die bezeichnen wir gemeinhin als „unzivilisiert“. Ich lebe jeden Tag in der dominanten Kultur und innerhalb derer noch mal in einer speziellen Subkultur, nämlich der „Fitnesswelt“. Hier werden mittels Indoktrination eines „Idealtypus Mensch“ Taler gemacht. Es rollt der Rubel und einige hängen geradezu obsessiv an diesem Thema fest. Mir tut das leid und ich glaube daran, dass wir ohne dieses eine gesündere Gesellschaft wären. Training? Ja! Aus Liebe zum Körper, nicht weil man ihn nicht mag.

Mir gehen auch andere Sachen durch den Kopf. Dankbarkeit ist so ein Thema. Ich habe früher ein „Dankbarkeitsbuch“ geführt. Jeden Abend habe ich mindestens eine Sache hineingeschrieben, für die ich an diesem Tag dankbar war. Nicht immer dasselbe, wie, dass ich genug zu essen habe. Nein! Ich habe ernsthaft und intensiv darüber nachgedacht, was ganz konkret an diesem einen Tag geschehen ist, wofür ich dankbar sein kann. Und es fand sich immer etwas. Oft mehrere Dinge. Diese Art den Tag zu beschließen hat ein schönes Grundgefühl entstehen lassen. Echte, tief empfundene Dankbarkeit ist sehr heilsam. Ich werde nun wieder anfangen mein „Dankbarkeitsbuch“ zu führen. Ich werde auch meine Kinder wieder jeden Abend fragen, welches heute ein schönes Ereignis für sie war. Ich als Bundeskanzler würde ja ein Gesetz vorschlagen, dass jede Mama und jeder Papa diese Frage beim abendlichen Einschlafkuscheln mit den Kindern stellen lässt. Die Kinder sinken mit angenehmen Gedanken in den Schlaf und die Eltern lernen viel über ihre Kinder, wenn sie einfach mal wirklich zuhören.

 

Wertschätzung

Ich möchte mich bemühen, die Dinge zukünftig wieder bewusster zu machen, auch die Alltäglichen. Das Trinken aus dem Wasserhahn zum Beispiel. Eine Zeitlang habe ich mich hierbei immer gefreut, dass so etwas möglich ist, in dem Land, in dem ich lebe. So etwas Wertvolles und Wichtiges wie Wasser in ausgezeichneter Trinkqualität, fließend aus dem Wasserhahn. Für manche Menschen ist das wohl wie unsere Vorstellung, es würde Geld aus dem Hahn fließen.

Ralf ist weg. Tatsächlich das erste Mal, dass jemand aus dem Leben scheidet, bei dem es mir wirklich persönlich sehr nahe geht. Zum Zeitpunkt des Todes meiner einen Oma war ich noch nicht auf dem Planeten, eine Oma weilt noch unter uns und das Verscheiden meiner beiden Großväter war eher abstrakt, irgendwie distanziert. Ich kannte die Männer ja kaum. Ralf kannte ich. Er war sicher nicht mein bester Freund, dafür hatten wir zu wenig Kontakt und kannten uns nicht lange genug, aber er war ein „feiner Kerl“. So hat mein Opa Horst, derjenige, der mir doch etwas näher war, immer einen genannt, wenn er in höchsten Tönen von ihm sprach. Ein feiner Kerl. Ich sehe Ralf vor mir, mit verschränkten Beinen im Stuhl lümmelt, in der einen Hand einen Zigarillo, in der anderen ein widerlich süßes Biermischgetränk und ein verschmitztes Gesicht ziehend, wenn er mir eine seiner legendären Räuberpistolen erzählte. Bei Ralf war immer Aktion und es gab bei jedem Treffen viel zu erzählen und, wenn man beinahe ungläubig nachfragte „Echt?“, dann kam ein nickendes „Nu, Nu“, wie es sich bei einem echten Sachsen gehört. Im Sommer war er zu Besuch und mitten am schönsten Nachmittag im Garten fing es mit einem Mal an, wie aus Eimern zu schiffen. Wir saßen unter der Sonnenterrasse im Trockenen, als wir plötzlich feststellten, dass es, aufgrund eines Gulli-Schadens an der Straße, einen massiven Wassereinbruch in den Keller unseres Hauses gab. Lange Rede – am Ende standen wir alle im Schlüpper wasserschöpfend nebeneinander, plitschnass und trotzdem irgendwie feixend, weil es sich einfach gut anfühlt, wenn Menschen einander helfen und man ein Band der Zuneigung und gegenseitigen Dankbarkeit empfindet. Und, weil Ralf ein lustiger Vogel war.

Ralf, ich werde dich vermissen. Und ich werde traurig sein und natürlich geht das Leben jetzt weiter. Ich werde dich würdigen, indem ich achtsamer und dankbarer sein werde und weniger angespannt und verkrampft.

In diesem Sinne, nic`x für ungut und vielleicht macht ja einer mit bei meinen Vorsätzen, das würde mich freuen 😉 !

Sport frei,

Euer Coach Nico

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2017-12-01T13:14:15+00:00 1 Comment

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