Der mit der Hantel tanzt

„No citizen has a right to be an amateur in the matter of physical training… What a disgrace it is for a man to grow old without ever seeing the beauty and strength of which his body is capable.“ Socrates

Ich fahre so ziemlich jeden Morgen mit dem Sechs-Uhr-Zug in die Stadt. Darin sitzen bereits erstaunlich viele Leute und ein großer Teil von denen schnarcht mit grauen Gesichtern leise vor sich hin. Ich finde den Anblick immer ein bisschen traurig, doch es gibt an solchen Morgenden auch Schönes zu betrachten.

Eine Gruppe Menschen nämlich beeindruckt mich immer sehr. Handwerker. Bauarbeiter. Menschen, deren Händen und Unterarmen man schwere Arbeit ansieht. Deren Gesichter das Wetter gezeichnet hat. Unter deren Bartstoppeln harte Wangen zu erkennen sind. Echte Männer. Ich weiß nicht, ob es nur meine Prägung ist, die mich in diesen John-Wayne-Typen echte Männer sehen lässt. Ich glaube daran, dass es zutiefst männliche Eigenschaften gibt.

Vom Leben gezeichnet

Mir ist dieses Gendergetue suspekt. Ich bewundere die Weiblichkeit! Ich habe größten Respekt vor ihr. Nichts an einer Frau ist schwächlich. Viele Frauen mögen vergleichsweise weich sein, das ja, aber was hat das mit schwächlich zu tun? Ich will sagen, dass männliche Attribute mehr im Trend liegen. Da passt einfach vieles besser in unser alldominierendes Thema – das Bruttosozialprodukt. Aggressivität. Kraft. Zielstrebigkeit. Kampfgeist. Dagegen Empfänglichkeit. Wärme. Sänfte. Herzlichkeit. Junge, wir leben im Kapitalismus. Im Raubtierkapitalismus! Zumindest sind wir auf dem besten Wege dahin. Das Weibliche ist schön, wohltuend, verschafft mir ein Gefühl von Geborgenheit. Ich weiß nicht, warum ein Hoch im Wetterbericht nicht einfach so mit einem Frauennamen bezeichnet werden kann. Weshalb hierzu, bis es dazu kam, jahrelang diskutiert werden musste. Ich verstehe auch nicht, warum das Wort „weibisch“ beinahe als Beleidigung gilt. Es sollte ein Kompliment werden.

Genauso finde ich auch am Männlichen viel Schönes. Die Männer sind unterschiedlich, auch in ihren Erscheinungen. Dennoch glaube ich, macht auch das Leben den Mann. Ich meine, was ist denn aus vielen von uns Männern geworden? An Schreibtischen kauernd werden wir zu adipösen Trauerspielen. Unser Adrenalin beziehen wir aus Telefonklingeln und Rangeleien im Straßenverkehr, allein auf unseren Autositzen hockend und vor uns hin fluchend. Wir leiden unter Stress, aber dieser kanalisiert sich nicht körperlich, denn mehr als einen halbherzigen Schlag aufs Autolenkrad kriegen wir nicht mehr auf die Reihe.

Und da buckelte man wie eine Hafennutte

Deshalb wohl meine Faszination für die Handwerker und Bauarbeiter. Ich habe als junger Kerl immer mal wieder im Tiefbau geschuftet. D.h. ich war da als Ungelernter der Idiot für alles. Vorzugsweise wurde ich eingesetzt beim Abbau von Spuntwänden. Hierbei handelt es sich um teils mehrere Meter hohe, mehr als armdicke Holzbohlen, die längs hinter aufrecht in den Boden gerammte Stahlträger geklemmt, das die Baugrube umgebende Erdreich fernhalten. Es lastet ein ordentlicher Druck auf diesen Holzbohlen und weil das Erdreich sofort von oben einfallen und die darunterliegenden Holzbohlen begraben würde, muss man so eine Spuntwand von unten demontieren. Hierbei arbeitet man mit einer Motorsäge und einem sogenannten „Kuhfuss“, einer stählerner Brechstange mit zwei Zacken am Ende, die eben an den Huf einer Kuh erinnern.

Es war mir erlaubt, eine (!!!) Holzbohle mit der Säge zu zerteilen, um einen Anfang zu bekommen. Von da an jedoch musste ich mit dem Kuhfuß die Holzbohlen auf einer Seite nach unten hebeln, damit sie auf der anderen Seite hinter dem Stahlträger hervorrutschen konnten. Die so entnommenen ca. 1,5 Meter langen und etwa 15 Kilo schweren Bohlen waren dann aus der Baugrube zu tragen und sorgsam zum Abtransport zu stapeln. Egal bei welchem Wetter, dieser Ablauf blieb immer gleich. Wenn es stark regnete und die Baugrube unter Wasser stand, wurde eine Pumpe hineingehängt, ein paar Bohlen auf den Boden geworfen und dann hieß es: „Ran Großer, der Bagger will zuschütten!“ Du buckelst also wie eine Hafennutte im eiskalten Novemberregen, während der Baumaschinist in seinem beheizten Führerhäuschen im Pullover mit hochgekrempelten Ärmeln sitzt, eine nach der anderen pafft und immer mal wieder aus dem Fenster brüllt: „Mach ma hinne bisschen, ick will Feierabend machen Mensch!“ Herrlich.

Solche Arbeit formt Hände und Charakter

Das war eine ordentliche Plackerei und ich schreibe an dieser Stelle bewusst nicht „elende“. So eine Arbeit formt die Hände. Und auch den Charakter. Ich kam mir da immer ganz lächerlich vor mit meinen paar Schwielen von der Hantel. Wenn ich morgens im Oktober mit dicker Wintermütze antrat, wurde ich nicht selten von meinen Kollegen im T-Shirt mit einer Warnweste darüber begrüßt. Ja, diese Welt ist testosterontriefend. Aber verdammt, es ist geil. Wenn ich meine anfängliche Abneigung gegen Schmutz an den Fingern überwunden hatte, dann fand ich es nachher umso ursprünglicher, mit den Pfoten kräftig in den Dreck zu fassen.

Es wurde mir fast schon schade, die Hände zu Hause angekommen im Waschbecken abzuspülen und ich bewunderte die unter dem Dreck erscheinenden Schrammen und Schrummen auf meiner Haut. Genauso sahen die Hände meines Vaters immer aus. Er war ein Gaswasserinstallateur und im Gas-Wasser-Scheiße-Gewerbe waren die Jungs viel am Schrauben und am Eisen rummachen. Die Hände meines alten Herren waren stark, schwielig und der Dreck schien an einigen Stellen in die Hornhaut eingewachsen. So sehen für mich die Hände eines Mannes aus. Egal ob groß, klein, dick oder dünn, Hauptsache benutzt sehen die Finger aus.

Jedes Jahr im Sommer veranstalten die Männer meiner Familie eine ca. viertägige Bootsfahrt auf einer alten Zwölf-Meter-Yacht. Zwischen vier und sechs Männer tummeln sich vier Tage lang auf ca. 40 Quadratmetern. Es wird sich ungeniert unterhalten und allen körperlichen Zwängen frei nachgegeben, beinahe genauso, wie man es in Filmen darstellt. Hier und da flammt mal eine tiefergehende Konversation auf, aber die meiste Zeit des Tages wird sich über Belangloses ausgetauscht und man zieht sich permanent gegenseitig über den Leisten. Ab und an ein kühles Bad, ansonsten regelmäßige Mahlzeiten à la Bratkartoffeln mit Spiegeleier und am Abend ein paar Bierchen in gemütlicher Skatrunde. Ich fühle mich in diesen vier Tagen pudelwohl. Keiner, der mir erklärt, wie herum ich ein Geschirrhandtuch aufhängen muss, ober weshalb es notwendig ist, die Marmelade nicht mit meinem Brotmesser aus dem Glas zu holen, sondern mit dem eigens hierfür bereitgelegten Löffel („Siehst du denn den Löffel nicht direkt da neben dem Glas??!). Ich würde so nicht immer Leben wollen, aber immer mal wieder tut es wirklich gut.

Lieber Bier als Sekt

Meine Mutter hatte damals 56 Kilo bei 1,64 Meter, mein Vater stattliche 94 Kilo auf 1,84 Meter. Wenn mein Vater meine Mutter umarmte, verschwand sie quasi zwischen seinen Armen und Schultern, es zappelten nur noch zwei Beine unten heraus. So habe ich das vor meinem inneren Auge. Mein Vater wirkte auf mich ultimativ männlich.

Andererseits wurde er ganz weich, wenn er mir nach zwei, drei Bierchen immer wieder die Story vom Kennenlernen meiner Eltern und davon, was für eine tolle Frau meine Mutter sei, erzählte. Auf jeden Fall war mein Vater für mich kleinen Pimpf der stärkste Typ der Welt. Ich erinnere mich, dass er einmal in unserem Hof einen Trabant auf die Seite gelegt hat. Wahrscheinlich wurde ihm irgendwie geholfen, aber ich habe nur meinen Vater mit den Händen seitlich unter dem Auto in Erinnerung. Das Hemd gespannt, die Unterarme ölverschmiert und sehnig, die Adern am Hals hervortretend und der Arsch die Hose zerreißend. Hier sah ich ihn zum ersten Mal bewusst – den Deadlift.

Wenn ich also heute an der Hantel zerre, dann fühle ich mich wie mein Vater. Wie ein Mann. Ja, ich gebe es zu! Ich stehe da drauf, ich mache auch gern mal blöde Witze und frotzel mit anderen Männern rum, außerdem schaue ich mir gern Kampfsport an und mag keine Heulfilme und ich trinke deutlich lieber Bier als Sekt.

Auf Hummeln im Hintern und Lust am Leben

Es geht mir darum aufzuzeigen, dass es etwas mit dem Manne tut, wenn er seinen Körper vernachlässigt. Es erlischt etwas in ihm. Körperliche Arbeit befreit den Geist, weil es das innere Gesabbel unterbricht. Der Mann tut das, was er am besten kann: Sich auf eine Sache konzentrieren und diese ordentlich machen. Wer aus der tiefen Hocke der Kniebeuge mit einem fetten Gewicht auf der Schulter wieder aufsteht, der verzieht ungehemmt das Gesicht auf die schrägste Weise. Es ist die körperliche Anstrengung, die im Leben dazugehören sollte, nach der unsere Natur verlangt und deren Fehlen wir auf die eine oder andere Weise bezahlen.

Es wird viel dazu geschrieben, welch positive Auswirkungen das Krafttraining auf die körperliche Gesundheit hat, weniger zu den seelischen. Ich höre im Personal Training häufig Aussagen wie „Ich spüre irgendwie, dass mir das Training guttut.“. Kaum einer kann dieses Gefühl genauer benennen. Ich glaube, es ist einfach eine Form von empfundener Lebendigkeit. Den Zugang zum Körper zu finden, wenn dieser gefordert wird und sich Ressourcen erahnen lassen. Ihr Körper, scheint mir, für einige Menschen nur ein mickriges Vehikel für den Transport des Schädels von A nach B zu sein. Es wird dieser Schädel von einigen gedrillt und mitunter an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt, aber das Vehikel bleibt ein Fiat Punto. Dabei könnte daraus ein Ferrari werden. Ok, bei manch einem zumindest ein starker Mercedes. Das Hirn ist der Fahrer, der Körper das Gefährt. Ein kompetenter Fahrer in einem starken Wagen ist doch allemal eine gute Sache. Beides auf Trab zu bringen, das könnte erfüllend sein.

Ich wünsche Hummeln im Arsch und Lust auf Leben!

Nic`x für ungut und Sport frei!

Coach Nico

Spread sportial feelings
2017-12-17T14:50:54+00:00 0 Comments

Leave A Comment