Die Surfer von Santa Cruz

Ich befinde mich in Kalifornien. Um genau zu sein, sitze ich an einem Strand in Santa Cruz und schaue den Surfern zu.

Neben mir ersteigt soeben ein ca. 55 jähriger Mann mit seinem Surfbrett unterm Arm, eine etwa 5m hohe Felswand, auf deren Giebel ich sitze. Er nickt mir kurz mit „how is it going?“ zu, setzt sich ganz entspannt auf den Rand des Felsvorsprunges und lässt die Beine baumeln. Ich betrachte den Mann. Er ist gebräunt und hat ein Gesicht, das Reife zeigt und lebhafte Entspannung. Sein Körper ist nicht übermäßig muskulös – nach meinen Maßstäben – also würde man ihn gemeinhin wohl als sehr sportlich bezeichnen. Er hat so eine wasserdichte Packtonne dabei und entnimmt ihr gerade ein Sandwich. Scheint ordinäres Weißbrot zu sein, belegt mit irgendeinem Schinken. Ich sehe kein Gemüse. Auch kein Obst. Ein Männersandwich also. Na was holt er da denn noch raus, aus dem Eimerchen? Na klar – ein kleines Büchsenbierchen.

Life ist good at the beach. Ich schaue mich um. Lauter solche Typen hier. Einige jüngere, aber auch einige ältere. Ich denke nach…. Was machen die hier, dass sie sich, wie Zwanzigjährige bewegend eine Felswand empor „schweben“, ohne die Hände frei zu haben? Richtig! Sie surfen. Ich habe mich natürlich schon ein wenig unterhalten mit den Leuten. Dass gehört bei denen hier dazu wie das Zähneputzen. Die sind mindestens einmal am Tag auf dem Wasser. Manchmal in der Mittagspause. Viele haben so Haltekonstruktionen an den Fahrrädern, mit denen man die Surfbretter äußerst praktisch zum Strand transportieren kann.

wie ein tanz in die trance

Surfen ist körperlich sehr anstrengend. Ich beobachte das hier genau. Zunächst muss man sich durch die Brandung arbeiten. Genau das ist es – arbeiten! In Ruhe und Konsequenz weiter mit den Armen paddeln und manchmal gefühlt nur in Zentimetern voran kommen. Später stemmt man sich von einem wackelndem Brett in den Stand und während man einerseits bemüht ist, das Gleichgewicht zu halten, muss man dieses gleichzeitig bewusst und gut dosiert verlagern, um hiermit die Fahrtrichtung vorzugeben. Meist dauert der Spaß nicht allzu lange, ich würde sagen so im Schnitt vielleicht 15 Sekunden – wenn er denn überhaupt zustande kommt und man nicht gleich vom Brett fällt oder aber einen die Welle zwar mitzieht, aber nicht ausreichend, um auf ihr reiten zu können. In jedem Fall aber fängt man anschließend das Spiel wieder von neuem an, beginnend mit dem gegen die Wellen paddeln. Das ist wirklich anstrengend. Gleichzeitig schaukelt einen das Wasser. Überträgt vielleicht eine spirituelle Kraft durch seinen Rhythmus. Wie ein Tanz in die Trance bei afrikanischen Urvölkern. Irgendetwas macht das Wasser auf jeden Fall mit den Menschen. Wer kann sich etwas Entspannteres vorstellen, als den Blick auf die Weite des Meeres. Vielleicht eine Möglichkeit der Verbindung des Menschen zur Natur über den Körper.

in der ruhe liegt die kraft

Noch etwas fällt mir auf: Smartphones – sonst in der amerikanischen Gesellschaft allgegenwärtig – sehe ich hier so gut wie keine. Die Leute schauen einfach nur aufs Meer. Als würde dieser Anblick sie reinigen. Ihre Seele vom Abfall des Tages befreien. Aber nicht roh und rau wie mit dem Besen, sondern eher so mit einem Staubwedel. Die Kids spielen mit dem Wasser. Sie lassen sich bewusst von der Welle fassen, lassen das Wasser sie drehen und herum werfen. Die Männer reden miteinander. Die Frauen auch. Auch die Frauen mit den Männern. Es surfen Liebespaare, Kinder, Eltern mit Kindern auf einem Board und alte Leute und die ganz Alten sitzen dabei und schauen zu. Ich freue mich für die Menschen hier ob dieser offensichtlich Gesundheit bringenden Kultur. Surfen erscheint mir gerade als ein schönes Bildnis für das Leben: Anspannung, Entspannung, Spiritualität, Demut und Bescheidenheit – nur wenn all dies im Einklang schwingt, ist überhaupt ein Umfeld geschaffen, einen Menschen gesünder machen zu können. Alles Hanteltraining, alles Laufen und auch sonst jede noch so empfohlene körperliche „Ertüchtigung“ sind dann letztlich entweder nur ein Tropfen auf den heißen Stein oder sogar gegenteilig wirksam und stressen einfach nur noch zusätzlich. In der Ruhe liegt die Kraft. Das meint nicht, dass jemand stark wird, wenn er gemütlich auf dem Sofa sitzt. Es meint einen seelischen Zustand. Mit „Kraft“ ist auch keine Bankdrückleistung gemeint sondern psychische und physische Widerstandskraft.

santa cruz ist zu klein für alle

Der Typ neben mir bricht zur zweiten Runde auf. Nach einem sicher halbstündigen Verdauungsschnaufer liegt er nun wieder auf seinem Brett und fängt womit an? Na klar! Rauspaddeln! Die Wellen sind plötzlich auch deutlich imposanter. Er paddelt da raus zum Gebet.
Nun ist Santa Cruz nicht riesig und wir können hier, beim besten Willen, nicht alle leben. Irgendwer muss auch in Berlin die Dinge am Laufen halten. Also geht es in 7 Tagen wieder in die Heimat und dann? Jeden Tag in die Natur? Das wird wohl nicht klappen, aber zumindest einmal in der Woche einen ausgedehnten Spaziergang im Wald? Oder sich während des Tages zur Not mal auf eine Parkbank setzen, die drei Hecken vor sich betrachten und sich vorstellen, im Wald zu sein? Das bekomme ich auf jeden Fall hin. Und zwar ohne Smartphone. Wer macht mit?

Nic`x für ungut und Sport frei!

Coach Nico

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2018-05-20T22:39:34+00:00 Kommentare deaktiviert für Die Surfer von Santa Cruz