Zweifel eines Personal Trainers

Als ich mir neulich ein Video eines Bodybuilders und Arztes zum Thema Ernährung für Muskelaufbau anschaute, kam mir ein Gedanke, den ich schon hin und wieder mal hatte: Wie absurd ist diese Welt eigentlich? Während einige Menschen zusehen müssen, dass sie genügend zu essen bekommen, um nicht zu verhungern, schaufeln andere sich die Wochenration der Erstgenannten an einem Tag in den Leib, um daraus möglichst große Muskeln zu machen.

Nach Angaben der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) ist der Anteil der hungernden Menschen seit 1990 von 18,6% der Erdbevölkerung auf weniger als 11% in 2015 geschrumpft. Hunger war immer eines der bedeutsamsten Probleme für die Menschheit. Nun hat sich der Hunger innerhalb von 25 Jahren annähernd halbiert – während die Weltbevölkerung seit 1990 von etwa 5,25 Milliarden auf mittlerweile 7,5 Milliarden zugelegt hat. Wenn also 1990 noch etwa 997,5 Millionen Menschen hungern mussten und nur rund 4,25 Milliarden ausreichend versorgt waren, hungern heutzutage zwar immer noch 825 Millionen Menschen, jedoch werden demgegenüber 6,7 Milliarden Menschen ernährt.

Technisch haben wir das Thema Hunger hinter uns gelassen. Die Menschen, die heute noch hungern, tun dies aus politischen oder ökonomischen Gründen. Wenn, statistisch prognostiziert, der Anteil adipöser Erwachsener im Jahr 2025 allein in Deutschland bei ca. 26,5% liegt, dann braucht mir keiner mehr erzählen, es gäbe nicht genügend Essen für alle. Und Freunde – adipös, das ist nicht einfach nur ein bisschen propper – das ist – entschuldigt bitte die deutliche Ausdrucksweise – massiv fett. Es werden voraussichtlich weitere 45% der Menschen in unserem reichen Land zu viel auf den Rippen haben. In Summe also 70% Übergewichtige! Aber sei`s drum, auf jeden Fall sind wir was den Hunger betrifft technisch auf dem richtigen Weg. Was diese Entwicklung moralisch und ethisch nach sich zieht, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt. Wie sehr Tiere und Natur darben müssen, wie furchtbar und rücksichtslos wir uns gegenüber anderen Lebewesen verhalten und wie unmöglich es argumentierbar ist, dass eben immer noch 11% aller Menschen hungern müssen und alle 3 Sekunden jemand an den Folgen der Unterernährung stirbt – trotz allem. Eins, zwei, tot, eins, zwei, tot, eins, zwei…

Ich denke mir dann also beim Anschauen dieses Videos, dass ich mich doch recht erbärmlich fühlen sollte, angesichts dieser Muskelobsession, die mich seit Jahren umtreibt.  All das Geschwafel über die Fresserei, dieser Kult, dieses Getue, diese Religion. Das Geschinde an der Hantel, die Plackerei für nichts und wieder nichts? Was aber, wenn dies alles einfach Teil der Evolution ist? Der Mensch kann sehr wohl dafür sorgen, dass niemand mehr hungern muss. Gleichzeitig kann dies auch ethisch verantwortlich funktionieren, es bedarf wahrscheinlich nur einiger technischer Änderungen, einer ausgeglichenen Verteilung und eines Bewusstseinswandels hinsichtlich kultureller Vorlieben und Abneigungen, sowie überkommender Traditionen und Gewohnheiten. Ist also durchaus machbar.

Blut, Schweiß & Tränen

Wenn nun also die Menschheit dies auf die Reihe bekommt und vielleicht sogar bereits in diesem Moment im Begriff ist, diesen Prozess zu durchlaufen, dann ist es doch denkbar, dass wir hier in Mitteleuropa in der privilegierten Lage sind, bereits jetzt schon dort angekommen zu sein. Warum dann also nicht den nächsten Schritt gehen und damit beginnen, das höchste Potential aus dem menschlichen Körper herauszuholen? Den meisten von uns ist die Vorstellung unheimlich, dass diese Entwicklung sehr wahrscheinlich so weit gehen wird, dass gezielte Eingriffe in die DNA eines ungeborenen Kindes dessen Erbgut optimieren und somit die „Supermenschen“ der Zukunft entstehen. Noch sind wir auch nicht soweit und somit bleibt dem Menschen in 2018 nichts weiter übrig, als Blut, Schweiß und Tränen. Bezüglich Wirksamkeit diverser moderner Fitnesstrends habe ich mich ja bereits dann und wann geäußert, weshalb ich hier nur noch einmal die Quintessenz durchsagen möchte: Es führt kein Weg daran vorbei – TRAIN, EAT, SLEEP, REPEAT.

Wenn man das eine Weile lang tut, parallel das ein oder andere Buch liest, sich unterhält und einfach wach und aufmerksam durch`s Leben geht, dann kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man nicht mehr länger Klimmzüge und Kniebeugen und Sprintintervalle machen kann, um sich dabei narzisstisch selbstverliebt mit Zwangsneurose im Spiegel zu betrachten, sondern muss einen anderen Grund für sich finden, dabei zu bleiben. Warum also? Der moderne Mensch entwickelt sich in vielem nach vorne. In der Regel lernt der Mensch nicht ohne Schmerz und Verlust, aber er lernt. Jedoch verlernt er auch eine Menge auf seinem Weg. Das echte Handwerk zum Beispiel stirbt aus. In ein paar Jahrzehnten wird wohl niemand mehr wissen wie, geschweige denn es beherrschen, einen Schuh nur mit Handwerkzeugen herzustellen. Das Gerben von Leder, das Kleben der Sohlen, das Vernähen des Schuhs – all dies werden Maschinen erledigen. Trauriger Weise verlernen wir nicht nur handwerkliche Tätigkeiten, sondern beinahe jegliche körperliche Tätigkeit.

länger leben und doch früher sterben

Viele Menschen rennen so gut wie nie und wenn sie es doch tun, wirken sie unsicher und als würden sie über ihre eigenen Beine stolpern. Beinahe so, wie ein 4Jähriger, der das Fahrradfahren erlernt und labil von einer Seite zur anderen schlingert. Menschen nutzen Rolltreppen und Aufzüge, jede Anstrengung wird vermieden. Beim derzeitigen medizinischen Stand und mit etwas Glück und Spucke können wir ziemlich sicher über 90 Jahre alt werden. Dennoch lassen sich fast 90% der Menschen in Deutschland mehr oder weniger gehen, werden deshalb sehr wahrscheinlich deutlich früher sterben und einen Großteil ihres Lebens körperlich und gesundheitlich eingeschränkt verbringen. Ich finde es traurig, wie degeneriert mir manche Zeitgenossen vorkommen, wie wenig belastbar mittlerweile sogar vor allem viele junge Menschen sind. Ich erlebe so etwas täglich und habe natürlich berufsbedingt einen Blick dafür. Das Leben bietet so viele Möglichkeiten. Allerdings sind die besten Erlebnisse oftmals hinter unbequemen Hindernissen zu finden und Hindernisse nimmt man doch eher im 6 Zylinder Geländewagen in Angriff als im altersschwachen Fiat Punto.

Ich optimiere meinen Körper, weil ich es mag seine Kraft, sein Potential, seine Möglichkeiten zu spüren. Weil diese Energie Freiheit bedeutet und Selbstsicherheit bedeuten kann. Es ist einfach eine große Lebensfreude sich zu spüren, das berühmte Gefühl von Lebendigkeit. Weil ich ein Mensch des 21. Jahrhunderts und dazu noch Fitness Professional bin, schaue ich mir also solche Videos von Typen, die von Muskelaufbau und Kalorienüberschuss erzählen an und beginne darüber nachzudenken , ob es nicht peinlich und unwürdig ist, diese Dinge zentral im eigenen Leben zu machen. Ich stelle schließlich fest, dass es einerseits Menschen gibt, die sterben, weil sie zu wenig Essen bekommen, während andere an den Folgen der Fresssucht krepieren. Ich stelle weiterhin fest, dass zumindest Letzteres hausgemacht ist und man sich mit etwas Aufwand und erlernter Selbststeuerung durchaus sehr gut fühlen und an nahezu allem, was das Leben so zu bieten hat, teilnehmen kann. Meine Aufgabe ist es dieses den Menschen vorzuleben, zu zeigen und diejenigen, die ebenfalls Lust darauf haben, zu lehren, wie es geht. Eine schöne Aufgabe, wie ich finde.

In diesem Sinne nic`x für ungut und Sport frei,

Coach Nico

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2018-03-08T17:07:04+00:00 0 Comments

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